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Wie wollen wir in Zukunft wohnen?

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Collage: Klawe Rzeczy; Bildquelle: Getty Images

Neue Arbeit heißt auch: neues Wohnen. Warum wir unsere Städte künftig anders denken müssen – und das Leben auf dem Land mit anderen Augen sehen werden. Ein kühner Blick über den Tellerrand der Moderne hinaus.

Wohnen in der Zukunft

Gäbe es nicht so viele menschliche Opfer, man müsste Corona beinahe dankbar sein. Denn die Pandemie hat uns eine universelle Machbarkeitsstudie aufgezwungen, die uns als Gesellschaft vor Augen geführt hat, dass wir zu Veränderungen fähig sind, die wir uns selbst nicht zugetraut hätten. Auf einmal stand das auch von unserer Kanzlerin lange gepflegte liberale Mantra der „Alternativlosigkeit“ ziemlich nackt da in seinen nicht mehr so neuen Kleidern. Plötzlich realisierten wir, dass wir uns auch anders durch die Stadt fortbewegen, anders Urlaub machen, anders kommunizieren und vor allem: anders arbeiten können. Über Nacht musste faktisch die ganze digital organisierte Arbeitswelt auf Home-Office umstellen. Sie bewältigte diese Operation beeindruckend gut und strafte Berge von Managerweisheit Lügen, die diese Arbeitsform über Jahrzehnte hinweg als ineffektiv und nicht praktikabel ausgeschlossen hatte.

Die moderne Stadt

Corona hat das bleierne Dogma der Moderne gründlich erschüttert, demzufolge Arbeit räumlich und zeitlich isoliert vom Rest des Lebens organisiert werden müsse. Mit der Charta von Athen des 4. CIAM Kongresses 1933 in Athen goss die Elite der modernen Architektur diesen Glauben in eine Stadtform, die auf der räumlichen Trennung von Wohnen, Arbeit, Freizeit und Verkehr basierte. Dieser Ideologie verdanken wir das systematische Urbanitätsdefizit unserer nach dem 2. Weltkrieg wieder aufgebauten Städte.

„Seit Corona fahren wir im Rückwärtsgang durch den Prozess unserer Zivilisation und entdecken staunend die Vorstellung einer Arbeit wieder, die ein Teil des Alltagslebens war und nicht dessen erzwungene Auszeit.“

Obwohl ein Großteil der heute bei uns geleisteten Arbeit dank Strukturwandel nur noch leises Gewerbe ist und daher nicht mehr vom Wohnen stadträumlich getrennt werden müsste und obwohl wir den Charme der durchmischten Stadt bei jedem Paris-Besuch bewundern, erfreute sich die Vorstellung der funktional getrennten Stadt in den Stadtplanungsämtern hierzulande bis zuletzt der Lebenserwartung eines Zombies. Doch dann kam Corona und versetzte uns wie mit einer Zeitmaschine in die präindustrielle Utopie einer Einheit von Arbeiten und Wohnen – auch die Beamten im Stadtplanungsamt. Seitdem fahren wir im Rückwärtsgang durch den Prozess unserer Zivilisation und entdecken staunend die Vorstellung einer Arbeit wieder, die ein Teil des Alltagslebens war und nicht dessen erzwungene Auszeit. Und wir beginnen uns zu fragen, ob wir vielleicht wieder lieber so arbeiten wollen würden.

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Arbeiten in Räumen, die nicht dafür gemacht wurden: „La Fábrica“, das Architekturbüro von Ricardo Bofill, befindet sich in einem ehemaligen Zementwerk in Katalonien. Foto: RBTA / Ricardo Bofill

Noch bis vor dem ersten Weltkrieg versuchten moderne Architekten, Arbeiten und Wohnen möglichst nah beieinander anzusiedeln. In Gartenstädten wie in Dresden-Hellerau wohnten die Werktätigen in grünen Wohnvierteln in fußläufiger Entfernung von der Fabrik, und auch alle anderen Funktionen des Alltagslebens waren in der direkten Umgebung verortet. Auch das gründerzeitliche Wohnen in den Innenstädten ermöglichte durch das Prinzip der Blockrandbebauung ein kompaktes Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten: während das Gewerbe in den Innenhöfen Platz fand, wohnten die Menschen in den diese rahmenden Gebäuden, deren Erdgeschosse wiederum mit Läden für den alltäglichen Bedarf gefüllt waren. Im Mittelalter waren Arbeiten und Wohnen oft im selben Haus zu Hause, zum Beispiel im sogenannten „Dielenhaus“, das vor allem in Hansestädten wie Lübeck, Wismar und Stralsund geläufig war. Das Haus ist benannt nach der doppelgeschossigen „Diele“, einer großen offenen Halle, in die man Waren von der Straße hineinbringen und mit einem inneren Lastenaufzug in die oberen Geschosse hoch transportieren konnte. Gewohnt wurde im Hinterhaus am Hof. Auf dem Land wurde stellenweise noch bis ins frühe 20. Jahrhundert symbiotisch gearbeitet und gewohnt. In den Bergdörfern des Schweizerischen Wallis gibt es mehrstöckige Holzhäuser, wo im Winter die Kühe im erdgeschossigen Stall mit ihrer Körperabwärme das darüber liegende Wohngeschoss heizten, während gleichzeitig das Heulager im 2. Obergeschoss eine wirksame Wärmedämmung unter dem tief schneebedeckten Dach formte.

Neue Landflucht

Viele Familien, die während des Lockdowns aus der Enge ihrer Stadtwohnung in Ferienhäuser oder zu den Eltern aufs Land gezogen sind, haben gemerkt, dass sie so eigentlich auch gut oder sogar besser leben könnten. Mit einer schnellen Internetverbindung lässt sich ein Großteil der Büroarbeit auch von zu Hause erledigen, und für zwei Bürotage pro Woche nehmen viele auch 100 Kilometer Arbeitsweg in Kauf. Das wird die in den letzten Jahrzehnten zunehmend abgehängten ruralen Regionen wieder beleben und erzeugt Nachfrage nach Schulen, Nahversorgung sowie Gesundheits- und Pflegenetzwerken.

„Auf dem Land entstehen neue Co-Working-Strukturen, während in der Stadt Büroflächen zur Disposition stehen und neu gedacht werden müssen.“

Konsequenterweise entstehen nun auf dem Land Co-Working-Strukturen, weil viele Menschen auch auf dem Land nicht auf die soziale Dimension von Arbeit verzichten wollen. Umgekehrt stehen viele Büroflächen in der Stadt zur Disposition und müssen neu gedacht werden. Führende Arbeitsforscher gingen schon vor der Pandemie davon aus, dass wir in Zukunft nur noch maximal drei Tage pro Woche im Büro verbringen werden, für Arbeitsprozesse, die kollektiv besser funktionieren, aber mindestens zwei Tage zu Hause bleiben werden, für jenen Teil der Arbeit, den man alleine und in Ruhe produktiver erledigen kann. Was vor Corona von den meisten Unternehmen als wirtschaftlich unmöglich hingestellt wurde, ist inzwischen Realität. Die Büroarchitektur reagiert nun mit einer Art nachholender Modernisierung. Personalisierte Büros avancieren zum Auslaufmodell, während anonymisierte Arbeitsplätze, an denen man sich nach Bedarf eincheckt, zur Regel werden.

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Die ehemalige Fabrikhalle ist zugleich Meeting- und Ausstellungsraum. Foto: RBTA / Ricardo Bofill
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Seit ihrer Rekonstruktion ist „La Fábrica“ ein einzigartiges Beispiel ungewöhnlicher Arbeitsräume. Foto: Richard Powers

Arbeitspsychologen wissen bereits seit Jahrzehnten, dass innovative Ideen in der Regel nicht am Einzelarbeitsplatz, sondern in der Kommunikation mit anderen oder in Pausen entstehen. Aber erst jetzt fangen Unternehmen an, ihnen zuzuhören und die dafür nötigen räumlichen Umgebungen zu schaffen. In gewisser Weise hatten die Google-Offices mit ihrer work-and-play-Kultur bereits einen ersten Schritt dazu getan, doch war diese Inklusion des Häuslichen in den Arbeitsraum auch eine durchschaubare Strategie, die Mitarbeiter länger im Büro zu behalten.

„Das Home-Office dreht die Richtung der Inklusion um: es domestiziert die Arbeit.“

Das Home-Office dreht die Richtung der Inklusion um: es domestiziert die Arbeit. Auf einmal wird die Arbeit menschlicher: Die alte Neun-Stunden-am-Stück Hetzerei im Hamsterrad, deren gnadenlose Kontinuität man durch allerlei heimliche Seitenblicke ins Internet und überzählige Kaffeepausen erträglicher zu machen versuchte, bot Arbeitgeber zwar die Illusion der Kontrolle der Arbeitnehmer. Produktiver arbeiten Menschen aber, wenn ihnen nicht die Chefs auf die Finger sehen. Neuesten Studien zufolge arbeiten sie sogar länger – eine gute Dreiviertelstunde lang pro Tag, um genau zu sein – und zwar nicht nur weil der Arbeitsweg wegfällt, sondern vor allem, weil man die Arbeitszeit so über den Tag verteilen kann, dass zwischendurch auch Zeit zum Einkaufen, zum Essen machen, den Kindern beim Hausaufgaben über die Schulter schauen oder einen Powernap bleibt. Dafür arbeitet man dann lieber einmal zwei, drei Stunden, wenn die Kinder abends im Bett liegen.

Die Mischung macht’s

Die Architektur steht heute ganz konkret vor der Aufgabe, das monofunktionelle Bürogebäude des 20. Jahrhunderts aus seiner typlogischen Zwangsjacke zu befreien, das mit betriebswirtschaftlich optimierten Achsmassen und Grundrisstiefen auf Bürotypologien ausgerichtet war, das oft schon nach wenigen Jahren aus der Mode kam und seine Umnutzung für andere Funktionen heute oft erschwert. Umgekehrt kann man gut in Häusern arbeiten, die nicht zum Arbeiten gebaut wurden. Volkwin Marg, der mit seinem Büropartner Meinhard Gerkan wahrscheinlich mehr Büros realisiert hat als jedes andere Architekturbüro in diesem Land, bekannte einmal, dass er mit seinem eigenen Büro nie in Bürogebäuden, sondern immer in umgenutzten Villen oder Turnhallen residiert hatte – und sich dabei vermutlich wohler fühlte. Diese Lektion sollte man bei der Schaffung zeitgenössischer Arbeitsumgebungen beherzigen. 

Eine heutige räumliche Arbeitskultur muss Sinnlichkeit und Abwechslung erlauben, dann begünstigt sie Inspiration. Die Vorstellung eines Gebäudes, in dem man nichts anders als arbeiten kann, wirkt wie ein fröstelnder Luftzug aus der Gruft des Fordismus. Wir brauchen vielmehr Gebäude, in denen man unter anderem auch arbeiten kann, neben vielen anderen schönen Tätigkeiten. Genossenschaftliche Wohnprojekte wie die Kalkbreite in Zürich zeigen, wie es gehen könnte: Das Haus besteht nur zu 60 Prozent aus Wohnungen, der Rest ist mit Büros, Arztpraxen Restaurants, Clubs, Läden, Werkstätten, Seminarräumen, einem Kino und einem Hotel gefüllt.

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Bofill hat die Ruine außerhalb von Barcelona Anfang der Siebzigerjahre entdeckt. Foto: Guiseppe Frazio
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Neben Ricardo Bofill arbeiten in der ehemaligen Fabrik seine sechzig Mitarbeiter, darunter Innenarchitekten, Grafiker und Stadtplaner. Foto: RBTA / Ricardo Bofill

Aber genauso wie die Büroarchitektur steht auch der Wohnungsbau vor einem gewaltigen Entwicklungssprung. In dem Maß, in dem der Raumbedarf von Bürobauten sich verringert (20 Prozent mehr Heimarbeit erzeugen ein Minus von zehn Prozent an Bürofläche), brauchen wir funktionierende Arbeitsräume in unseren Wohnungen. Mangels eines entsprechenden Angebots werden sich Architekten in den nächsten Jahren damit beschäftigen müssen, neue Wohnungstypen zu erfinden, in denen wir beides können, wohnen und arbeiten.

„Vielleicht wird Arbeit bald wieder das werden, was sie Karl Marx zufolge vor Erfindung der Lohnarbeit war, nämlich ‘sinnlich-praktische Tätigkeit’.“

Die größte Herausforderung wird aber sein, bestehende Wohnungen so umzubauen, dass wir das dort auch können – das wird oft nur durch Zusammenlegung mehrerer Einheiten gehen, was den Bau von neuen Wohnungen erforderlich macht. Werden die in der Stadt sein oder auf dem Land? Wird die Kleinstadt jetzt größer? Werden wir eine Welle der Umnutzung von leerstehenden Bürohäusern erleben, in denen Raumpioniere Formen des Wohnens erfinden, die in diesen eigentlich dafür nicht gedachten Grundrissen möglich sind? Vor allem aber: wie viel werden wir überhaupt noch arbeiten? Wenn es nach Richard David Precht geht, werden wir früher oder später am bedingungslosen Grundeinkommen nicht vorbeikommen. Und dann wird Arbeit vielleicht wieder das werden, was sie Karl Marx zufolge vor Erfindung der Lohnarbeit war, nämlich „sinnlich-praktische Tätigkeit“. Dafür brauchen wir neben einer Alternative zur Wachstumsökonomie vor allem eine sinnlich-praktische Architektur, in der die Arbeit genauso viel Freude macht wie der schöne Müßiggang, weil beide idealerweise genauso sinnerfüllend sind.