Menu

Transformational Public Space

AD3_final (2)_1
(Illustration: Ana Galvañ)

Mehrfachkodierung und Transformation: Wie die Typologie des Transformational Buildings der Vision einer menschenfreundlicheren Stadtplanung gerecht werden könnte.

Stadt der Zukunft: Arbeitswelt und Lebenskultur fordern Veränderung

Stellen wir uns vor, dass es gelingt: dass Transformational Buildings potenziell alles einlösen, was uns heute in Sachen Arbeitswelt und Arbeitskultur bewegt und nach Veränderung ruft. Stellen wir uns vor, dass mit Transformational Buildings Plattformen entstehen für vielfältige soziale Interaktionen, programmierbare multifunktionale Gebäude, in denen alles stattfinden kann, was uns am konventionellen Nine-to-five nicht gefällt, wir aber an Form und Struktur gut gebrauchen können, was uns an der Arbeit am häuslichen Küchentisch respektive am Home-Office gut gefällt und was uns dort fehlt, was uns die vielbeschworene Work-Life-Balance verschafft, was uns, wer’s mag, die Körperertüchtigung, das Billardspiel und den Aperitivo nahtlos und in-house ins Tageswerk einfädeln lässt. Ein dynamisch und mehrfach belegtes, ein mindestens doppelt kodiertes Gebäude.

Stellen wir uns vor, dass mit Transformational Buildings Plattformen entstehen, in denen alles stattfinden kann, was uns am konventionellen Nine-to-five nicht gefällt …

Was bedeutet dann ein solches Konzept, eine solche Transformational Architecture für die Stadt und für den Raum der Öffentlichkeit? Für dieses komplexe räumliche Gefüge, das Ort des sozialen Austauschs für die ganze große Gesellschaft ist, das eine für jedermann zugängliche Bühne ist, ein System von Straßen, Plätzen, Zwischen- und Resträumen, das oft hierarchisch strukturiert ist, sich immer wieder transformiert hat, längst hier und da fast unbemerkt privatisiert und vielerorts bereits in XXL-Gebäude inkorporiert ist? Was bedeutet Transformational Architecture für den öffentlichen Raum, wenn wir von diesem etwas erwarten, das über die Möglichkeit der bloßen Fortbewegung hinausgeht, über Konsum und über das Angebot eingefriedeter Kinderspielplätze und festmontierter Parkbänke, nämlich dass er ein Raum der Begegnung ist, der Begegnung zwischen Bekannten und Fremden, verabredeter Begegnung und zufälliger, ein intensiv belegter, hoch frequentierter, sozial dichter Raum?

GettyImages-1241489304_Kateryna Negoda_Getty Images
Freiflächen für Bewohner- und Besucher:innen: Bjarke Ingels‘ 8 Tallet in Kopenhagen integriert den öffentlichen Raum in den Entwurf eines 476 Einheiten umfassenden Wohnprojekts. (Foto: Kateryna Negoda)

Res Publica

Richard Sennet hat uns die soziale, gesellschaftliche und politische Bedeutung des öffentlichen Raums deutlich gemacht – und seinen großen Reiz. Die res publica ist ein Raum, der, egal wie er geformt ist, dadurch bestimmt ist, dass Menschen sich begegnen, Beziehungen haben und gegenseitige Verpflichtungen, Menschen, die nicht ohnehin irgendwie miteinander verbunden sind, sei es familiär, beruflich oder freundschaftlich. Im öffentlichen Raum begegnen sich die vielen, die das Gemeinwesen bilden. Dafür haben sich soziale Ordnungen herausgebildet, Regeln, Strukturen, Kleidung, Sprache, und dafür gibt es Straßen, Plätze und so fort. Wenn man nur noch daran interessiert ist, sich selbst und seine kleine familiäre Welt kennen zu lernen und nicht mehr die Welt vor der Haustür, wenn keine öffentlichen Räume der Begegnung mehr existieren, also solche der Begegnung zwischen Fremden, die ein Wachsen an und in der Welt und – ganz wichtig – auch politisches Handeln möglich machen, dann entsteht die Tyrannei der Intimität. Der Raum der Öffentlichkeit ist der Ort des Handelns, der Ort für politisch denkende und handelnde freie Individuen, die versuchen, sich voreinander auszuzeichnen. Die öffentliche politische Kommunikation und Interaktion, das politische Existieren, das gemeinschaftliche Handeln des Menschen, auch in der Rolle als aktiver Veränderer seiner Umwelt, spielt sich im öffentlichen Raum ab, auf der Straße, auf dem Platz, auf der Agora.

Stadtplanung und der Raum dazwischen

Wie sieht, wenn wir über neue, robuste, in die Zukunft weisende Gebäudetypen nachdenken, der ideale, funktionierende öffentliche Raum vor, neben und zwischen diesen Gebäuden aus? Auf der einen Seite unserer Vorstellungswelt sehen wir den urbanen Mythos der europäischen Stadt, in deren Straßen und auf deren Plätzen in räumlicher und architektonischer Dichte funktional und sozial gemischte Lebendigkeit herrscht. Auf der entgegengesetzten Seite sehen wir allerhand Disparates, Unwirtliches, funktional Auseinander-Dividiertes und daneben vielleicht die seit den 1960er-Jahren entwickelten radikalen Stadtutopien, Megastrukturen und Lebenswelten von Archigram, Superstudio und den Metabolisten, wir sehen Cedric Price’ Fun Palace und Constant Nieuwenhuys’ New Babylon, ein irres Netzwerk von Verkehrsräumen, riesige Dächer, unter denen jede Lebensform Unterschlupf findet. Heute können wir in Rem Koolhaas’ zahlreiche XXL-Gebäude hineinspazieren und ganze Tage dort verbringen, in komplexen und gleichzeitig robusten Räumen, denen die historische Stadt mit ihrem Repertoire an Typologien und Elementen, der Idee von Straße und Haus zu klein geworden ist. Nicht mehr hineinspazieren können wir in das Streets-on-the-sky-Experiment Robin Hood Gardens in London von Alison und Peter Smithson; es wurde abgerissen. Aber Versuche, Alternativen zur allzu vertrauten historisch gewachsenen Stadt zu entwickeln, den öffentlichen Raum der Straße geschossweise zu stapeln oder zu einem neuen Innenraumwunder zu machen, sind zahlreich, und sie können scheitern oder glücken: Das zeigen Le Corbusiers Unité in Marseille, Ricardo Bofills Walden 7 in Barcelona oder Bjarke Ingels 8 Tallet in Kopenhagen und viele mehr.

GettyImages-1168960841_Carlos Sanchez Pereyra_Getty Images
Ricardo Bofills Walden 7 in Sant Just Desvern entstand 1975 – eine postmoderne Anlage für 446 Personen, die bis heute beliebt und vor allem für den vielfältigen sozialen Austausch ihrer Bewohner berühmt ist. (Foto: Carlos Sanchez Pereyra)

„Womöglich steigt die Lebendigkeit einer Stadt umso mehr, je weniger geplant und sich vorgestellt wird, je weniger in klaren sauberen Lösungen gedacht wird.“

Nicht nur Constants New Babylon lag die Idee zugrunde, dass eine neue Architektur eine Transformation der alltäglichen Realität ermöglichen und anstoßen könne und würde – diese Hybris scheint in der Architektur und im Städtebau immer wieder auf. „Gute“ Architektur verändere den Menschen und seine Lebensformen oder verbessere ihn gar, wie man sich zwischenzeitlich nicht scheute zu denken. Umgekehrt ist es wohl richtiger: Die Architektur muss in der Lage sein, sich in ihrer Form, ihrer Funktion und ihrem Charakter den verändernden Anforderungen der Menschen, des Ortes und der Zeit anzupassen. Und mit dem öffentlichen Raum ist es nicht anders. Keine Stadtplanerin, kein Verkehrsplaner, keine Oberbaudirektorin, kein Bürgermeister kann die Lebensentwürfe der Menschen diktieren, vorwegnehmen oder ein komplexes und widersprüchliches Bild der Stadt überhaupt nur imaginieren.

GettyImages-976075428_foto_BuildPix_Construction Photography_Avalon_Getty Images
Gegenentwurf zu Corbusier: Die Robin Hood Gardens in London waren ein herausragendes Beispiel brutalistischen Bauens von Alison und Peter Smithson – und wurden mittlerweile abgerissen. (Foto: BuildPix)

„Der Terminus „Immobilie“ sagt eigentlich schon alles: Bewegung wohnt ihr nicht inne.“

Womöglich steigt die Lebendigkeit einer Stadt umso mehr, je weniger geplant und sich vorgestellt wird, je weniger in klaren sauberen Lösungen gedacht wird. Planung im großen Maßstab ist in diesen trägen Disziplinen Städtebau und Architektur ohnehin hochriskant; ein Experiment ist ja nie wirklich ein Experiment, das im Fall des Scheiterns verworfen werden kann. Der Terminus „Immobilie“ sagt eigentlich schon alles: Bewegung wohnt ihr nicht inne. Gebäude sind in der Regel fest geformt und reglos, und die Stadt als räumliche, bauliche, architektonische Struktur ist es noch viel mehr. Das ist ja das Dilemma in der Architektur und im Städtebau: Verbleiben Gedankengebäude nicht schlummernd in den Ateliers, Archiven oder Clouds, sondern werden bauliche Manifestationen, dann stehen sie da für 50 oder 100 Jahre – Stadtautobahnen, Tunnel, Parkhäuser, Licht-Luft-Sonne-Siedlungen, monofunktionale Hochhausburgen, Shopping Malls, Aufmarschplätze, babylonische Megastrukturen.

Transformation und Mehrfachcodierung

Die Möglichkeiten eines vielfältigen öffentlichen Lebens haben wir uns mancherorts im wahrsten Sinne des Wortes verbaut. Öffentliches Leben heißt, Teil der Stadt und ihrer Räume zu sein. Im besten Fall bedeutet das eine fußläufige Nähe aller Lebensbereiche, in jedem Fall aber eine bauliche, soziale und funktionale Durchmischung von großer Dichte. Das effektive, ökonomisch und ökologisch nachhaltige und dabei 2000 Jahre alte Konzept der 15-Minuten-Stadt beginnen wir uns gerade wieder mühsam zu verordnen. Den Weg dorthin abkürzen könnte wiederum die Idee der Transformational Buildings: ausgeweitet auf den Umbau der sprachlos (und womöglich bald leer) da stehenden oben genannten Produkte eines eindimensionalen Funktionalismus’ in Architektur und Städtebau.

So wie sich die kommende urbane Gebäudetypologie der Transformational Buildings also in den Dienst des Menschen und seiner Vorstellungen von Arbeitskultur stellt, genauso muss sie sich in den Dienst ihrer Wirkung auf den öffentlichen Raum stellen. Die Idee der Transformation und der Mehrfachkodierung muss für den öffentlichen Raum genauso gelten wie für die Gebäude, die diesen Raum bilden und formen. Es ist die Architektur der Stadt, die in ihrer Form, Funktion und ihrem Charakter aktiv zur Aufenthaltsqualität, Frequenz und Dichte auf ihren Straßen und Plätzen beiträgt.