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Lob des Zwischenraums

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Collage: Klawe Rzeczy; Bildquelle: Getty Images

Alle reden vom Homeoffice. Oder vom 24-Stunden-Büro mit Fitness-Studio. Wie aber steht es mit all den Zwischenräumen, in denen wir mal arbeiten, mal entspannen, vor allem aber: leben? Ein Blick auf Lounges und Parkplätze, in Pendlerzüge und Parks.

Mitte 2019 machte eine tragikomische Geschichte die Runde: Mehr und mehr Japaner, hieß es da, würden Mietwagen leihen und sich doch nicht von der Stelle bewegen. Sie arbeiteten dort oder hielten einen Mittagsschlaf. Beliebt sei der Rückzugsort vor allem deshalb, weil er wenig koste, da die Mietfahrzeuge vor allem pro gefahrene Kilometer abgerechnet würden. „Ein 31-jähriger Handelsreisender bekannte“, schrieb SZ-Reporter Christoph Neidhart, „außer in einem gemieteten Auto könne er seinen Powernap höchstens im Cybercafé machen.“

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Foto: GettyImages

Der Wagen als Rückzugsort – das ist immerhin etwas. Auch in Europa ist das Auto für Millionen Pendler ein letztes Stück Freiheit on the road, mit dröhnender Musik oder einem guten Hörbuch: eine undefinierte Zeit-Insel im durchgetakteten Fahrplan des Tages. Doch nicht mehr lange. In jedem Stau verwandelt sich das Auto in ein rollendes Büro, mit mobilem
Internet in weichen Polstern. Was werden autonome Fahrzeuge erst bieten? Der fahrende Werk- wie Erholungsraum ist definitiv kein Auto mehr, hier wächst etwas völlig Neues, für das es noch keinen richtigen Namen gibt.

„New Work“, darunter verstehen wir oft seltsame Hybride wie das Home-Office oder das 24-Stunden-Büro, aber auch neue Frei(zeit)räume und wachsende Zumutungen, die Leben und Arbeit, Freizeit und Broterwerb, Freund*innen und Kolleg*innen verwirbeln. Da bleibt kaum noch etwas übrig – ein bisschen Leben und einige nicht minder seltsame Zwischenräume: Passagen und Übergangszonen zwischen den immer noch dominanten Polen Büro und Leben. Parks und Parkplätze, Pendlerzüge und Lounges – dazu Malls, die dringend eine neue große Idee brauchen, wollen sie nicht in Kürze weggeklickt werden.

„New Work, darunter verstehen wir oft seltsame Hybride wie das Home-Office oder das 24-Stunden-Büro, aber auch neue Frei(zeit)räume und wachsende Zumutungen.“

Was Zwischenräume spannend macht: Sie sind nicht restlos definiert, eingezwängt zwar zwischen A und B, Arbeit und Freizeit, aber irgendwie noch zu gestalten – individuell wie gesellschaftlich. Sie bilden eine Art Miniaturausgabe der Zwischenstadt, etwas Fischfleisch im kristallinen Knochengerüst der Stadt, das sich längst nicht mehr allein durch Straßen und greifbare Infrastruktur alleine definiert, sondern über funktionierendes WLAN und 5G. Sie sind die transformationalen Räume mit nicht zu Ende definierter Nutzung, an die das Büro von morgen im besten Falle anknüpft.

New Work, Transformational Buildings
Foto: Liam Burnett Blue / Unsplash

Der öffentliche Raum wird gastlich

Das Frühjahr 2020 wird in die Geschichte eingehen: Die erste Corona-Welle fegte erst die Straßen leer, und dann eroberten Cafés, Kneipen und Restaurants neues Terrain. Plötzlich standen Tische und Bänke da, wo eben noch Autos parkten.

Mit jedem weiteren Wirtsgarten und jedem Zaun aus Geranien und Europaletten zog mehr südländisches Leben in die Stadt. Die Straßen boten mit Pop-Up-Radwegen einen Vorgeschmack auf die Post-Verbrenner-Ära. Die Straße für alle, mit Kneipe, Spielplatz, Bänken und Bäumen war plötzlich keine Utopie mehr. Beach-Clubs schütteten haufenweise Sand übers Trottoir und vereinzelte Boule-Spieler zeigten, dass der Strand „unter dem Pflaster“ schon immer dalag – nur hatten ihn über Jahre nur Urban Gardener und andere Transformatoren gesehen.

New Work, Transformational Buildings
Foto: GettyImages

Städtischer Freiraum, das war Corona plus Elektrifizierung. Aber ganz so einfach ging es dann eben doch nicht. Inzwischen wurden viele Radwege wieder aufgelassen, strenge Auflagen angesichts der zweiten Corona-Welle und Novemberwetter taten ein Übriges. An der Tür eines verwaisten Cafés prangte sogar ein Verbotsschild: kein Laptop. Dabei waren Latte, Notebook und WLAN eigentlich so etwas wie die eilige Dreifaltigkeit des mobilen Arbeitens – am besten in der Lieblingsecke des Stammcafés.

Öffentliche Örtchen – Bedürfnisanstalten fürs Miteinander

Menschen wollen Menschen – sehen, sprechen, riechen, berühren. Daher sind öffentliche Örtchen so etwas wie die Bedürfnisanstalten fürs Miteinander der Stadtgesellschaft. Statt gereihten Wohn-Einzelzellen und Filterblasen bietet die Stadt haufenweise Möglichkeiten zu ungezwungener Kontaktaufnahme. Wer sich mit einem Buch in den Park setzt, riskiert es, angesprochen zu werden. Wer an anderen Menschen allzu nah vorbeijoggt, wird angesehen, angesprochen – manchmal auch Schlimmeres.

New Work, Transformational Buildings
Foto: Karolis Vaiciulis / Unsplash

„Menschen wollen Menschen – sehen, sprechen, riechen, berühren. Daher sind öffentliche Örtchen so etwas wie die Bedürfnisanstalten fürs Miteinander der Stadtgesellschaft.“

Der Park, der Spielplatz, die Liegewiese im Freibad oder am Badesee, all das sind Begegnungsflächen. Soziologen nennen das den „Dritten Ort“ (third place). Das von Ray Oldenburg eingeführte Konzept unterscheidet zwischen Wohnung und Familie (erster Ort), Arbeit und Kollegen (zweiter Ort) – und all den neutralen Begegnungsflächen, auf denen alle
zusammenkommen, idealerweise ohne Hierarchien und Vorurteile. Bayern beispielsweise hat mit seinen Wirtsgärten fast schon anarchische Orte, die Brotzeit darf hier jede(r) selbst mitbringen, nur das Bier wird ausgeschenkt. Alle sitzen auf gleicher Höhe, an einer langen Tafel, und nach der zweiten, dritten Maß sind eh alle beste Freunde. Was den Münchnern
der Biergarten, ist den Parisern das Bistro, den Römern das Café, den Londonern der Pub und den Wienern das Kaffeehaus: Orte, an denen sich Menschen ungezwungen treffen. Bislang in erster Linie zur gemeinsamen Freizeitgestaltung, aber warum nicht auch zur Arbeit?

„Biergarten, Bistro, Kaffeehaus: Wir brauchen Orte, an denen sich Menschen ungezwungen treffen. Bislang in erster Linie zur gemeinsamen Freizeitgestaltung, aber warum nicht auch zur Arbeit?“

Natürlich gibt es berechtigte Kritik an dieser Dreiteilung der Welt, die eben doch auf Ausschluss beruht: Wer nicht zahlen kann, fliegt raus. Völlige Gleichberechtigung bieten nur öffentliche Grünanlagen und Bibliotheken, also Aufenthaltsorte, für die nichts zu bezahlen ist. Dafür prangt auf mancher Parkbank dann ein herziger Spruch und eine Erinnerung an die
Stifter: Danke!

Die Lounge als Schicksal – nicht nur der Jobnomaden

Was all diese Orte im Zwischenraum verbindet, ist eine Art Restfreiheit des Undefinierten, des Dazwischen und Noch-Nicht. Der Schweizer Journalist und Autor Tom Kummer hat diesen Zustand meisterhaft als „in between“ bezeichnet. Das „Dazwischensein“ – zwischen zwei Kontinenten, Kulturen, Verpflichtungen … – verbindet viele Menschen, die vieles
zugleich unter einen Hut bringen wollen oder müssen. Da bleibt das Gefühl, in einem permanenten Time-lag gefangen zu sein, der unerledigte Anrufe, Tweets und Re-Tweets, Statusmeldungen und Mails ebenso umfasst wie tägliche Entscheidungen.

Wer glaubt, das Handy, unser kleines Büro in der Hosentasche, hätte uns nicht in der Hand, gibt sich einer Illusion hin. Das gilt auch für die Orte der Arbeit. Die Lounge, der Bahnsteig und das Parkhaus sind nicht nur das Schicksal irgendwelcher Jobnomaden, sie sind die Orte des Dazwischenseins. Für manche wird die Stadt selbst zur Lounge, die sie durchschreiten, durcheilen oder einfach nur teilen, ganz gleich, ob am Steuer eines Fahrzeugs, als Passagier oder Flaneur. Sollte ein neuer Benjamin das Passagenwerk des 21. Jahrhunderts schreiben, ginge es wohl auch darum: die Orte des Mittendrins, ihre Ränder und Grade des Dazwischens zu untersuchen.

„Auch die monothematische Shopping-Mall von gestern hat nur eine Zukunft, wenn sie sich öffnet.“

Kürzlich bezeichnete Harald Willenbrock eine Shopping-Mall als Dinosaurier „im Zeitalter von Klimawandel und Temperaturextremen“. Recht hat er, aber man könnte darin auch einen Ort mit Potential sehen. Lange wurde die Mall verteufelt, irgendwann akzeptiert und inzwischen gilt sie manchen sogar als irgendwie urbaner Ort. Nur, dass die große Zeit der Einkaufstempel mit jedem Klick schwindet. Die Paketdienste wissen ein Lied davon zu singen. Es wird also Zeit für eine neue Rolle: Neues Leben in diesen monothematischen Orten ist nur dann noch möglich, wenn sie sich öffnen – nicht nur für Fitnessclubs und Wohnungen, sondern auch für informelle Büros, in die sich jede(r) per App einmieten kann, sekundengenau zahlt und dann wieder verschwindet. Das Dazwischen macht es möglich. Es braucht nur WLAN oder 5G.

Transformational Buildinga, New Work
Foto: Thomas de Luze / Unsplash