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Die Galerie als Transformational Space

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Illustration: Ana Galvañ

Mit ihrer Galerie OFFICE IMPART arbeiten Anne Schwanz und Johanna Neuschäffer an der Schwelle zwischen digitaler und analoger Welt – und fragen: Wie können beide Seiten voneinander profitieren?

Als wir vor drei Jahren unsere Galerie gründeten, war die erste Frage der meisten, denen wir davon erzählten: „Wo ist euer Raum?“ Und auf unsere Antwort, „Wir haben keinen!“, kam dann prompt die Erwiderung: „Verstehe, dann seid ihr eine Online-Galerie.“ Eine Galerie zu führen, schien eine Entweder-oder-Entscheidung zu sein – entweder mit einem festen Raum oder als eine reine Online-Präsenz. Wir aber wollten uns weder für das eine noch das andere entscheiden, uns interessierte vielmehr, wie sich die aktuellen Entwicklungen der Digitalisierung in unsere Galeriestruktur einbetten ließen und welche Aspekte aus dem klassischen Galeriebetrieb für uns unabdingbar sind, um sie weiterzudenken. Die spannende und zugleich überaus zeitgemäße Frage aus unserer Perspektive war: „Wie verbinden wir das Analoge und das Digitale miteinander?“

Die schnellen Entwicklungen der digitalen Technologien haben in den letzten Jahren alle Bereiche des Lebens erreicht. Es entstanden viele neue Tools, die auch im Kunstmarkt eine große Rolle spielen und die unternehmerisch aus vielerlei Gründen interessant sind. So werden 3D-Raumerfahrungen, Virtual oder Augmented Reality auf diversen Online-Plattformen oder in digitalen Galerien eingesetzt, um dem Besucher einen möglichst realen Erfahrungsmoment im virtuellen Raum zu ermöglichen. Parallel dazu haben die Digitalisierung und die tägliche Nutzung des Internets unser Verhalten und Mindset so beeinflusst, dass sich unsere Anforderungen auch strukturell verändern. Viele Methoden und Strategien digitaler Entwicklungen bauen mittlerweile auf einem digitalen Selbstverständnis des Menschen auf – automatisierte Abläufe sind alltäglich, algorithmische Systeme und künstliche Intelligenz werden selbstverständlich genutzt, dezentrale und flexible Strukturen sind dem Arbeitsalltag immanent, Kooperationen werden zu Impulsgebern, und Vernetzung ist für uns alle das wichtigste Muster.

Viele Methoden und Strategien digitaler Entwicklungen bauen mittlerweile auf einem digitalen Selbstverständnis des Menschen auf.

Die gegenwärtige Herausforderung ist daher, die beiden Pole des Analogen und des Virtuellen in Bezug auf die Arbeit als Galerie zusammen zu denken, neue Technologien für die Vermittlung von Kunst einzusetzen und die neuen Verhaltensweisen, die sich aus der Digitalisierung aller Lebensbereiche ergeben, in die Struktur eines Unternehmens zu integrieren. Kurz gesagt: „Wie kommt das Analoge ins Digitale?“ Und umgekehrt: „Wie übertragen wir Digitales in die analoge Welt?“

Ein Perspektivwechsel

Die Institution Galerie wird vornehmlich räumlich gedacht, der architektonische Raum ist Ausgangspunkt der Galeriearbeit. Von außen betrachtet ist der Ausstellungsort also der physische Fixpunkt einer Galerie, in dem Kunst gezeigt und verkauft wird. Bestenfalls in einem White Cube, also einem klaren Raum, der die Konzentration auf die Kunstwerke unterstützt und selbst in den Hintergrund tritt. Abgesehen von der Konzentration auf den Raum sind die Aufgaben einer Galerie aber überaus vielfältig und umfassen neben dem Ausstellen und Verkaufen von Kunstwerken vor allem die Betreuung von Künstlerkarrieren, die Kontextualisierung des künstlerischen Werks bis hin zur Kunstvermittlung im weitesten Sinne. So kann man mit einem Blick nach innen eine Galerie als ein lebendiges System verstehen, das Inhalte transportiert, Kontexte schafft und diese einer Öffentlichkeit vermittelt.

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OFFICE IMPART unterhält einen physischen Galerieraum in Berlin. (Foto: Luke Marshall Johnson)
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(Foto: Luke Marshall Johnson)
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(Foto: Luke Marshall Johnson)

Um das Konzept der Galerie heute zeitgemäß und zukunftsorientiert zu denken, ist es aus unserer Sicht entscheidend, diese Blickrichtungen umzukehren und den Fokus weniger auf den physischen Raum als vielmehr auf das Handeln und die Rolle der Galerie zu setzen. Dabei sehen wir die digitalen Veränderungen nicht als bloße Technologieerweiterungen, sondern denken diese auch strukturell im Analogen mit.

Als Basis für unsere Galerie haben wir einen Space in Berlin-Moabit und nutzen diesen als „Representative Office“. Hier zeigen wir kleine Präsentationen und haben Kunstwerke unserer Künstler:innen vor Ort. Die meisten Ausstellungen realisieren wir jedoch an ganz unterschiedlichen Orten, national und international. Uns ist es wichtig, damit einem heutigen dezentralen Selbstverständnis Rechnung zu tragen und die Frage des Ausstellungsraumes flexibel an Künstler:in, Projekt und Ort anpassen zu können. Essentiell ist für uns auch die Idee von Netzwerken, wie sie ein digitales Mindset zweifellos mit sich bringt. Daher entwickeln wir viele unserer Ausstellungen in Kooperation mit Partnern aus dem Kunstbereich, etwa mit Galeriekolleg:innen oder Institutionen. Die positiven Effekte, die die Begegnung verschiedener Commnunities mit sich bringt und die in anderen Branchen selbstverständlich ist, möchten wir auch in unserem Bereich nutzen und intensivieren. Und natürlich haben die Informationsbreite und Offenheit, die uns das Internet und soziale Medien ermöglichen, einen deutlichen Einfluss auf die Kunstwelt und führen zu einer neuen Transparenz in vielen Teilen der Branche. Aus diesem Grund legen wir großen Wert auf integrative Vermittlungsformate wie Talks, Interviews und Führungen, die Inhalte und Kunstmarktfragen erörtern und somit eine aktive Teilhabe an der Kunstwelt fördern.

Im Mittelpunkt unserer Arbeit als Galerie steht in diesem Sinne der multidimensionale Vermittlungsraum, der die Galerie mehr als je zuvor zu einem Kommunikationsort und Netzwerksystem macht und sich von der Konzentration auf einen eigenen und fixen Ausstellungsraum löst.

Das Experiment 2020

Weil analoge Möglichkeiten im letzten Jahr schlicht fehlten, wurden die Auseinandersetzung mit virtuellen Ausstellungen und der Versuch, das physische Erleben von Kunstwerken in den digitalen Raum zu transferieren, noch einmal intensiviert. Unabhängig von der Ausgangsfrage „analog oder digital?“ gibt es eine Reihe von Kriterien, die ein Ausstellungserlebnis zu einer positiven Erfahrung machen; zum Beispiel die Möglichkeit der unmittelbaren und direkten Wahrnehmung der Kunstwerke, eine angemessene inhaltliche Vermittlung der kuratorischen Idee und der künstlerischen Arbeit, dazu die soziale Interaktion vor Ort, am liebsten in Echtzeit. Wie sind diese Kriterien nun in den digitalen Raum übertragbar?

Wir haben für unsere erste Online-Ausstellung Come Closer! und weitere digitale Veranstaltungen die Plattform common.garden genutzt. Come Closer! versammelt zehn internationale Künstler:innen, die sich mit dem Thema der Nähe im digitalen Zeitalter auseinandersetzen. Die rein digitalen und medienbasierten Arbeiten erlauben eine direkte und reale Erfahrung, weil sie von Vornherein im und für den virtuellen Raum geschaffen wurden. Daneben entspricht die Erlebnisstruktur der Plattform unseren täglichen Web-Erfahrungen und lässt uns Inhalte und den Kontext der Kunstwerke leicht erzählen und verknüpfen. Die Plattform funktioniert als einfache One-Page-Seite, man gelangt durch simples Scrollen von einem digitalen Werk zum nächsten und kann die Ausstellung so ganz intuitiv entdecken. Jeder Arbeit ist ein beschreibender Text zugeordnet, der sich einfach durch Klick auf den Bildtitel öffnet oder schließt.


Common.garden ist eine basisdemokratische, von Künstler:innen betriebene Plattform, offen für jedermann, um einen Raum für die zwanglose Begegnung zu schaffen. Entstanden ist sie während der ersten Welle des Lockdowns im Jahr 2020 zwischen Amsterdam und Berlin – als Reaktion auf das dringende Bedürfnis nach neuen und originellen Online-Treffpunkten für Kultureinrichtungen. Die Plattform ist ein Projekt von Constant Dullaart in Zusammenarbeit mit Jonas Lund mit technischer Unterstützung von Ties van Asseldonk.

Come Closer! ist eine Online-Ausstellung mit Aarati Akkapeddi, Raphaël Bastide, Bob Bicknell-Knight, Stine Deja, Constant Dullaart, Anna Ehrenstein, Will Fredo, Jonas Lund, Tristan Schulze und Yadichinma Ukoha-Kalu. Die Ausstellung zeigt zehn internationale Künstler, die sich in digitalen oder medienbasierten Arbeiten mit dem Thema „Nähe im digitalen Zeitalter“ auseinandersetzen. Die Ausstellung fungiert als Plattform, auf der jeder Besucher sichtbar ist und miteinander sprechen kann.


Eines der innovativen Tools dieser Plattform ist die Möglichkeit, sich mit Freund:innen, Künstler:innen oder Interessent:innen auf der Seite bzw. in der Ausstellung digital zu treffen und dort direkt miteinander zu kommunizieren. Jede:r Besucher:in wird über einen farbigen Punkt visualisiert und ist somit sichtbar. Sobald zwei Besucher-Punkte sich direkt nebeneinander befinden, aktiviert sich das integrierte Mikrofon und man kann auch miteinander sprechen. Diese Erfahrung, nicht alleine in der Ausstellung zu sein und sich mit anderen in Echtzeit austauschen zu können, entspricht insofern dem Erlebnis in einem physischen Ausstellungsraum und war für uns ein wichtiges Kriterium, mit dieser Plattform zu arbeiten. Erst diese Form direkter Kommunikation und der psychische Raum, der sich durch die soziale Interaktion öffnet, machen die Erfahrung einer Online-Ausstellung zu einem wirklichen Ausstellungserlebnis. Das geht über eine bloße Nachahmung des physischen Raumes weit hinaus, weil die digitale Plattform eben ihre eigenen Qualitäten mit sich bringt, etwa ihre zeitliche und räumliche Ungebundenheit. Gerade für netzbasierte Kunst wird sie so zum natürlichsten und adäquatesten Raum überhaupt. Unser Verständnis eines Ausstellungsbesuchs wird ins Digitale transferiert und dem neuen Raum angepasst – und die digitale Plattform so selbst zu einem eigenen, authentisch virtuellen Raumerlebnis, das die Erfahrungen aus dem Physischen mitdenkt.

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Screenshot der Online-Ausstellung Come Closer! (Screenshot: OFFICE IMPART)
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Die Plattform präsentiert nicht nur virtuelle Kunstwerke, sondern fungiert auch als Begegnungsraum für die Besucher. (Screenshot: OFFICE IMPART)

Hybride Räume

Das Erschließen von digitalen Räumen ist ein Feld, in dem wir uns alle gegenwärtig und zukünftig bewegen. Es ist wichtig, genau hier Wissen zu sammeln, sich Anregungen aus anderen Branchen zu holen und vieles auszuprobieren, denn vergleichbar einer physischen Ausstellung müssen auch im Digitalen zuallererst die neuen Möglichkeiten ausgelotet, gesehen, erlebt und erforscht werden, damit man sie weiterdenken kann. Nicht das Entweder/Oder ist entscheidend, sondern die Verbindung der digitalen und der analogen Denkweisen ist für uns essenziell und zukunftsweisend.

In die Struktur unserer Galerie hat sich klar das digitale Mindset von Dezentralisierung, Netzwerk, Teilhabe und Transparenz eingeschrieben, das wir unseren Projekten zugrunde legen. Unser Galerieraum selbst verwandelt sich in ein vernetzbares Gefüge, ein flexibles, dynamisches Konstrukt, das sich auf diversen Ebenen mit anderen verbindet und Inhalte vermittelt. Diese manifestieren sich für uns in unterschiedlichen Formaten und Räumen, sowohl digitalen als auch physischen.

Unsere Ausstellungen finden analog und virtuell statt, doch wird künftig keine Ebene mehr ohne die andere denkbar sein. Eine physische Ausstellung wird die Möglichkeiten der digitalen Begleitung implizieren, die Übertragung der Inhalte ins Digitale ist selbstverständlich, um die Zugänglichkeit und die Reichweite der Ausstellung zu erhöhen. Ebenso werden in den digitalen Präsentationen wichtige Qualitäten des analogen Erlebnisses mitgedacht werden, etwa die Kommunikation in Echtzeit oder die soziale Interaktion.

Die Frage, die uns eingangs beschäftigte – wie wir den physischen und den digitalen Raum miteinander verbinden – ist also gar keine Frage mehr, sondern die Grundlage unserer Arbeit als Galeristinnen. Unabhängig von der Situation des letzten Jahres, die unsere Herangehensweise nur noch einmal bestärkt hat, ist unser Galerieraum ein hybrides System, das systematisch und nachhaltig das Beste beider Welten für sich nutzt.